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Kurzgeschichte: Frodes Mondperle

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Kurzgeschichte: Frodes Mondperle

Beitragvon yije » 7. Sep 2013 21:11

Diese Kurzgeschichte war ursprünglich für einen Wettbewerb im Frühjahr 2012 gedacht. Sie hat es leider nicht in die Anthologie geschafft. Dennoch bin ich sehr stolz auf den Text (bzw. die Idee ^^).

Im Rahmen einer Überholungsaktion wurde auch diese Geschichte Ende des Jahres 2012 überarbeitet ^^.

Wie gefällt sie euch =)?

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Mit voller Wucht prallte die feuchte Gischt gegen das massive Holz.
Frode ließ seinen Schwamm sinken, um sich das Spektakel genauer anzusehen.
Er robbte zum Bug hinüber und bestaunte die unbändige Kraft der See.
Innert weniger Minuten hatte sich ein heftiger Sturm gebildet, der mit aller Macht versuchte, dass Schiff in Schieflage zu bringen.
Aufgeregt wischte sich der Junge die braunen Strähnen aus dem Gesicht. Um seine Besatzung zu informieren, rannte er zum erst besten Crewmitglied.
„Kann ich helfen?“ Frode zeigte mit dem Finger auf den Mast, der durch den starken Wind bedrohlich ins Schwanken geriet. Doch dieser sah Frode nur skeptisch an und winkte ihn ab.
„Bist noch zu klein, Bengel. Such dir ’nen sicheren Platz.“ Da Frode bewusst war, dass er nicht viel gegen das Wort Erwachsener ausrichten konnte, zog er betrübt von dannen.
Innerhalb der Kombüse nahm er auf einem der großen Fässer, die überwiegend mit Rum gefüllt waren, Platz. Er wartete, bis sich das Unwetter gelegt hatte.

Nachdem Frode vom Koch aus der Küche verscheucht wurde, reichte es ihm. Wütend lief er zur Kajüte seines Vaters. Dem berüchtigten Kapitän Karl.
Mit aller Kraft drückte er die schwere Tür zur Seite. Sein Vater hatte sich über eine Schatztruhe gebeugt. Freudig rieb er sich die Hände.
„Ist das der Schatz vom letzten Beutezug?“ Kapitän Karl zuckte zusammen. Er hatte seinen Sohn nicht hereinkommen hören. Um nicht überrascht zu wirken, räusperte er sich.
„Genau. Der von Ben Gen.“ Frode dachte an den Raubüberfall zurück. Die ganze Crew war im Einsatz gewesen, um Ben Gens Habseligkeiten zu stehlen und das Schiff samt Besatzung zum Meeresgrund zu schicken.
„Kapitän Karl, ich muss mit dir sprechen.“
Kapitän Karl. Ja, so sollte Frode sein eigen Fleisch und Blut nennen. Es war die Vereinbarung zwischen Vater und Sohn. Nur unter der Bedingung, ihn als Kapitän zu bezeichnen, durfte er mit auf das Schiff kommen. Frode wusste auch, weshalb. Falls er sich als unnütz erwies, würde er seinen Vater damit nicht blamieren.
„Was gibt’s, Junge?“ Vorsichtig ging Frode auf den Schreibtisch seines Vaters zu. Darauf lagen einige Seemannkarten, ein Zirkel sowie weitere Messgegenstände.
„Ich will mehr Verantwortung tragen.“ Frode stotterte leicht. Dennoch versuchte er, so gut es ging, seine Unsicherheit zu verbergen.
„Was?!“ Kapitän Karl brach in lautes Gelächter aus.
„Ich will nicht nur den Boden schrubben. Ich will mehr tun!“ Dieses Mal verlieh Frode seiner Stimme etwas mehr Druck. Ihm war wichtig, dass Kapitän Karl seine Bitte ernst nahm.
„So schmächtig wie du bist?“ Frode nickte eifrig. Das veranlasste Kapitän Karl dazu, wieder an Fassung zu gewinnen.
„Du bist zu jung…“ Doch Frode ließ seinen Vater nicht aussprechen.
„Bitte! Wie wollt ihr wissen, dass ich zu jung bin, wenn ihr es noch nie probiert habt, mir eine verantwortungsvolle Aufgabe zuzuteilen?“
Mit diesen Worten katapultierte Frode seinen alten Vater in die Heimat zurück. Er dachte an die Worte seines Weibes, als diese ihm riet, den Jungen lieber an Land zu lassen. Frode sei ein schlauer Bursche, dessen Intelligenz dringend gefördert werden müsse.
Damals entschied er sich gegen ihren Rat. Aus seinem Sohn sollte ein richtiger Pirat werden. Ein Kapitän, so wie er selbst. Doch Frode hegte in ihm den Anschein, dass er sich nicht so recht an das Leben auf dem Schiff gewöhnen konnte. Putzarbeiten für einen kleinen Bengel wie ihn waren ihm nicht genug.
„Aber…“
„Bitte!“ Frode sah seinen Vater eindringlich an. Er hatte alle Furcht verloren, denn er hoffte bereits darauf, einen Sieg aus der Diskussion zu schlagen. Sein Vater begann zu straucheln.
„Nun gut.“ Kapitän Karl rieb sich die nasse Stirn.
Als er überlegte, welche schwierige Aufgabe er seinem Sohn zuteilwerden lassen konnte, kam ihm eine Idee.
Er hatte in der Schatzkiste des alten Ben Gen eine vergilbte Perle gefunden. Sie hing an einer seidenen Kette und wurde in der wohl teuersten Schatulle aufbewahrt. Nach dem Ergattern des Schatzes wussten weder er noch seine Crew etwas damit anzufangen. Er drückte sie Frode in die Hand. In seinem Glauben war sie nicht mehr, als eine einfache, dumme Perle.
„Achte auf sie, wie auf deinen Augapfel. Sie ist äußerst wichtig. Fällt sie weg, gibt’s Ärger. Verstanden?“
Überglücklich nahm Frode das vergilbte Perlen-Kettchen in die Hand. Nun konnte er seinem Vater endlich beweisen, dass er zu mehr in der Lage war, als nur den dreckigen Boden zu schrubben.
Er legte sich die Kette um den Hals und schwor, gut auf sie aufzupassen.
Nachdem er die Kajüte von Kapitän Karl verließ, strahlte er übers ganze Gesicht.
„Was ist denn mit dem los?“, wollten vereinzelte Crewmitglieder wissen, die sich ebenfalls an Deck tummelten.
„Mir wurde große Verantwortung übertragen. Ich muss auf die Perle aufpassen. Hab sie persönlich vom Kapitän bekommen.“ Die Crewmitglieder betrachteten die Perle genauer. Als sie sahen, um was für einen „Schatz“ es sich handelte, begannen sie wild herum zu grölen.
Frode ließ sich von der Einfältigkeit der Besatzung nicht beeinflussen. Er suchte sich ein stilles Plätzchen um die, in seinen Augen, äußerst ungewöhnliche Perle zu begutachten.

Als die Sonne hinter dem Horizont verschwand, konnte Frode noch immer nichts Besonderes an der Perle erkennen. Er beschloss, seine Grübeleien beiseite zu schieben und sich etwas zu Essen zu holen. Gerade als er den Weg zur Kombüse einschlagen wollte, vernahm er zwei raue Stimmen. Die eine ließ sich leicht einordnen. Es war die des Kapitäns.
„Was hatte der Kleine für ein Problem?“ Frode sah zum Deck hinüber und beobachtete die Beiden. Er erkannte, dass es der Steuermann war, mit dem sein Vater sprach.
„Alberne Sache. Hab ihm die Perle vom letzten Beutezug gegeben. Stell dir vor, er wollte unbedingt Verantwortung übernehmen.“ Der Steuermann prustete los.
„Das vergilbte Teil? Wolltest du das nicht längst über Bord schmeißen?“
Kapitän Karl überlegte. Er hatte wirklich darüber nachgedacht. Denn anfangs befürchteten sie, die Perle könne mit einem Fluch belegt worden sein.
„In den letzten neunzig Nächten hat sich jedoch nichts ergeben. Somit beschloss er, die Kette beim nächsten Landgang verscherbeln.“ Verständnisvoll nickte der Steuermann. Egal ob wertvoll oder nicht, Hauptsache, es brachte Goldmünzen ein.
Frode war am Boden zerstört. Sein Vater hatte ihn von Anfang an nicht ernst genommen. Er wollte ihm nie eine verantwortungsvolle Aufgabe geben, mit der er beweisen konnte, dass mehr in ihm steckte. Hielt er ihn auch noch für jung und zu schwach?
Frode lief zum Heck hinüber und beugte sich über die Reling. Das Rauschen des Meeres milderte seinen tief im Herz sitzenden Schmerz.
Er hatte sich behaupten und zeigen wollen, nicht nur ein kleines Weichei zu sein.
Schweren Herzens musste er erkennen, dass ihn sein Vater höchstpersönlich zu dem abstempelte, was er war. Er gab ihm keine Chance, sich zu beweisen. Und vermutlich würde es immer dabei bleiben. Schon damals schien er aus seiner Sicht nicht besonders erfreut, den eigenen Sohn auf hohe See mitzunehmen.
Ein Seufzen entfuhr ihm. Was sollte er jetzt tun?
Müde schloss er die Augen. Er wollte seine Gedanken im Kopf nicht mehr raunen hören. Nur die seichten Windklänge und das frische Rauschen der Gischt sollten ihn in sein Traumland begleiten und für eine klare Sicht sorgen.

Wie lange hatte er gedöst? Schlaftrunken fiel sein Blick auf die Perlen-Kette. Sie leuchtete im Vollmondlicht. Nach genauerem Umsehen fiel ihm auf, dass die Nacht längst angebrochen war. Keiner befand sich mehr an Deck. Komisch, dachte er. Normalerweise ging die Besatzung nie so früh zu Bett.
Bevor Frode in seine Koje gehen wollte, zog es ihn noch einmal über die Reling. Er sah in das abgrundtiefe Blau, dessen Oberfläche vom Himmel gespiegelt wurde. Ein angenehm ruhiger Moment.
Ein grüngelbes Augenpaar überraschte ihn. Verwirrt rieb Frode sich die Augen. Das konnte doch nicht möglich sein!
Um sicher zu gehen, dass ihm seine Fantasie einen Streich gespielt hatte, sah er nochmal hin. Es hatte sich nichts geändert. Sie waren immer noch da, die weichen, gelbgrünen Augen. Ein mulmiges Gefühl machte sich in seinem Bauch breit. Er spürte, wie der Anblick seine Sinne benebelte. Sie verbannten ihn aus der Realität und ließen ihn auf eine andere Ebene schweben.
Als die Kreatur sich aus dem Meer erhob und an die Reling sprang, erwachte Frode aus dem Bann. Rechtzeitig hüpfte er zurück, um sich bei den nahe gelegenen Fässern in Sicherheit zu bringen.
Noch immer konnte er kaum glauben, mit was er es zu tun hatte.
Großvater Willi hatte ihn einst vor den Tücken der See gewarnt. Ganz besonders sollte er sich vor den Meerjungfrauen in Acht nehmen. Würden sie ihn einmal um den Finger wickeln, wäre er auf ewig verloren. Damals glaubte Frode, sein Großvater hätte pures Seemannsgarn gesponnen. Doch so wie schien, lag er mit seiner Warnung gar nicht mal so falsch.
Das bildschöne Geschöpf hielt sich mit seinen zarten Fingern an den Reling fest und betrachtete Frode von Kopf bis Fuß. Bei der Perlen-Kette blieb sie hängen.
Frode spürte innerlich, worauf sie es abgesehen hatte. Schützend umklammerte er die vergilbte Perle.
„Wer bist du?“ Seine Worte waren nicht mehr als ein zittriges Murmeln und dennoch schien die Meerjungfrau alles verstanden zu haben.
„Ich heiße Miranda.“ Ihre Stimme war das Schönste, was Frode je gehört hatte. Sie erklang wie zarte Töne einer Harfe. Dabei vergaß er völlig, sich darüber zu wundern, dass sie seine Sprache verstand.
„Was willst du von mir?“ Frode vermutete, die Antwort bereits zu wissen. Doch um sich zu vergewissern, wollte er sie aus Mirandas Mund hören.
„Die Perle.“ Mit einem Finger wies sie auf Frodes Hand. Nach wie vor hatte er mit den Fingern die Perle fest umschlossen.
Fieberhaft dachte er nach. Sollte er die Perle der Meerjungfrau überlassen? Wenn ja, was würde sie damit anstellen? Und wie würde sein Vater darauf reagieren, wenn er das Stück verlor? Dem Steuermann gegenüber hatte er zugeben, die Perle sei seiner Meinung nach nichts wert. Doch würde er das auch seinem Sohn gestehen?
„Und was ist, wenn ich sie dir nicht geben kann?“
„Vielleicht lässt sich über den Wert der Perle verhandeln.“ Miranda winkte Frode zu sich heran. Ohne einen weiteren Gedanken an die Perle zu verschwenden, trat Frode wieder an die Reling heran. Ihr faszinierendes Äußeres betäubte seine Sinne. Ihre roten Haare wehten im seichten Wind.
„Also?“, setzte er an, doch sie wies ihn noch näher zu sich heran. Anscheinend wollte sie ihm etwas ins Ohr flüstern.
Als Frode sich zu Miranda hinüber beugte, biss sie ihm in den Hals. Entsetzt schrie er auf. Der brennende Schmerz am Hals breitete sich auf seinen ganzen Körper aus.
Miranda nutzte die Gelegenheit, um Frode am Arm zu packen und ihn über Bord zu ziehen. Mit einem heftigen Satz prallte er auf der Wasseroberfläche auf. Wild vor sich hin strampelnd versuchte er sich über Wasser zu halten. Doch Miranda hatte andere Pläne mit ihm. Sie griff nach seinem Fuß und zog ihn in das schwarze Nass.

Frode war der festen Überzeugung, sein letztes Stündlein hätte geschlagen. Er würde nicht nur seinen Vater enttäuschen, sondern durch seinen Wunsch nach Anerkennung auch noch den Tod finden.
Miranda war nicht bewusst, dass Frode davon ausging, nicht atmen zu können. Als sie sah, wie leblos er im Wasser trieb, packte sie ihn an den Schultern und schüttelte ihn.
Verstört riss er die Augen auf. Der Schmerz verebbte. Er lebte noch.
„Wie geht das?“ Mirandas verständnisloser Gesichtsausdruck ließ Frode dazu veranlassen, seine Frage konkreter zu stellen.
„Menschen können unter Wasser nicht atmen. Ich müsste längst tot sein.“
Sie kicherte. Mit einem Finger fuhr sie über die Bisswunde am Hals.
„Ich hab dir Gift in den Körper gespritzt. Nicht genug, um zum Meerjungvolk dazuzugehören, aber ausreichend, damit du unter Wasser atmen und sprechen kannst.“ Frode konnte kaum glauben, was sie sagte. Ihm kam das alles wie ein unrealistischer Traum vor.
„Komm.“ Miranda hielt Kurs auf den tiefsten Punkt des Meeres. Dort, wo die Dunkelheit jedes einzelne Wesen verschluckte und normale Menschen nicht mehr gehen ließ.
Durch die zunehmende Finsternis fiel es Frode schwer, Miranda zu folgen. Er wusste nicht, weshalb er ihr bereitwillig nachschwamm. Doch ihm war klar, dass er ohne sie in den Untiefen keine Überlebenschance hatte. Und von alleine zurück an Bord zu kommen, schien ein Ding der Unmöglichkeit. Nie war er ein guter Kletterer gewesen.
„Aua!“ Ein stechender Schmerz machte sich in Frodes linker Beinhälfte breit. Er zog die Wade an den Oberkörper heran und tastete vorsichtig nach der Wunde. Miranda kicherte erneut.
„Du musst darauf achten, wohin du schwimmst.“ Wie denn, wenn ich nichts sehe, wollte Frode darauf erwidern. Doch als Miranda ihn an der Hand fasste, erübrigte sich die Frage.

Seine Augen brauchten einen Moment, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Er staunte nicht schlecht, als er sah, was vor ihm lag.
„Was ist das?“, wollte er von Miranda wissen. Mit seinem Zeigefinger deutete er auf die kleine Unterwasserstadt, auf die sie zusteuerten.
„Das ist meine Heimat. Wir nennen sie Schein.“ Seltsamer Name, dachte sich Frode.
Sie schwammen an mehreren Häuserhälften vorbei, bis sie auf einen großen Platz gelangten, hinter dem ein riesiger Tempel stand. Dort tummelten sich weitere von Mirandas Art, die Frode neugierig betrachteten.
Als ein weiterer ihrer Art den Platz betrat, wurden alle anderen still. Dieser Meerjungmann war um ein Vielfaches größer als seinesgleichen. Er hatte eine weiße Mähne, die im dunklen Wasser aber eher grünlich wirkte.
„Wen hast du uns mitgebracht, Miranda?“ Alle starrten auf Miranda und Frode.
Sie fackelte nicht lange, um zum wichtigsten Punkt zu kommen.
„Er hat die Perle.“ Aufgeregtes Gemurmel ging durch die Reihen.
„Wie kommst du zu der Perle, Menschenjunge?“ Der Meerjungmann trat näher an Frode heran. Ihm rutschte vor Aufregung das Herz in die Hose.
„Mein Vater hat sie mir gegeben. Er hat die Perle durch einen Beutezug ergattert.“
„Gib sie uns.“, forderte der Meerjungmann und streckte die Hände aus.
„Das geht nicht!“ Frode nahm seinen gesamten Mut zusammen. Die Perle mochte für seinen Vater bedeutungslos sein, doch er wollte trotzdem beweisen, dass er Verantwortung übernehmen und auf einen Gegenstand aufpassen konnte. Er wusste, dass sich das kindisch anhörte, aber ihm war das egal. Er wollte es allen beweisen. Nicht zuletzt auch sich selbst.
„Sie gehört deinem Volk nicht.“ Der Meerjungmann schlug einen härteren Ton an, als Frode gedacht hätte. Seine Stimme klang tief und bedrohlich.
„Aber ich habe eine Verantwortung zu tragen.“
„Das hat die Perle bei uns auch.“, grummelten einige Meeresbewohner.
Als der Meerjungmann zu einer Drohung ansetzen wollte, mischte sich Miranda ein.
„Menschenjunge, versteh doch. Die Perle schützt mein Volk und mich. Wir brauchen sie, um den fürchterlichen Soba von unserer Heimat fern zu halten.“
Ein greller Schrei durchschnitt das Wasser.
„Ausschwärmen!“, brüllte der Meerjungmann.
Miranda reagierte sofort. Sie schubste Frode zu einem nahe gelegenen Felsvorsprung zwischen zwei Häusern. Dort drückte sie Frode unter eine sich befindende Platte und gebot ihm, still zu sein.
Frode spürte heftige Vibrationen im Gestein. Ängstlich umklammerte er Miranda. Als das furchteinflößende Monster einen weiteren Schrei ausstieß, zuckte auch sie zusammen.
Erst als der Boden ruhiger wurde, wandte Frode erneut das Wort an sie.
„Was war das?“ Er spürte, wie ihm das Zittern in die Stimme gefolgt war.
„Wir wissen nicht was er ist und woher er kommt.“, flüsterte sie.
„Eines Nachts, als alles dunkel war, griff er uns an. Deswegen brauchen wir die Perle.“
„Aber wie kann die Perle euch helfen?“ Frode nahm das vergilbte Stück in die Hand und musterte sie. Nach wie vor war an ihr nichts Besonderes zu erkennen.
„Du trägst eine der seltenen Mondperlen um den Hals. Sie leuchtet, sobald sie das Mondlicht oberhalb der Wasseroberfläche aufgesogen hat.“
„Und warum befand sie sich in der Schatztruhe von Ben Gen?“ Mirandas Gesichtsausdruck verfinsterte sich. Sie sprach mit gedämpfter Stimmung, um das Monster nicht nochmals anzulocken.
„In einer Vollmondnacht lauerten Menschen deiner Art auf uns. Sie nahmen diejenige mit, die dabei war, die Perle aufzuladen. Seither werden wir zu jeder Zeit von Soba angegriffen. Er reißt alles, was sich vor seinem Mund bewegt. Wir haben viele Brüder und Schwestern verloren. Nicht zuletzt auch, weil uns die Sicht sehr schwer fällt und wir uns nur mühsam in Deckung bringen können.“
Frode spürte in Mirandas Stimme, wie traurig sie über den Verlust ihrer Familienangehörigen war. Umso schockierender empfand er den Gedanken, dass Ben Gens Piraten für das Unglück des Meerjungvolkes verantwortlich waren.
„Wie kann ich euch helfen?“ Frode wollte alles dafür tun, um den Schmerz Mirandas etwas zu lindern. Endlich konnte er verstehen, weshalb sie ihn mit nach Schein nahm. Wäre er an Bord geblieben, hätte er der Geschichte keinen Funken Wahrheit zugesprochen.
Sie schaute zu ihm auf.
„Wir müssen die Perle mit den Strahlen des Mondes aufladen. Nur so können wir Soba von meinem Volk fernhalten.“ Frode nickte. Etwas unbeholfen löste er sich aus der Umklammerung von Miranda und schob die Platte zum Felsvorsprung zurück.
Sogleich machte er sich daran, an die Wasseroberfläche zu schwimmen.
„Wir müssen vorsichtig sein. Er kann überall sein.“
Der Weg an die frische Luft stellte sich für sehr zeitintensiv heraus. Erst als das Wasser durchsichtiger wurde, schöpfte Frode neue Hoffnung.
„Wir sind gleich da.“ Miranda wies auf einen leuchtenden Streifen, der in die Wassermasse eindrang. Ein Mondstrahl.
Nach dem Auftauchen atmete Frode tief ein und aus. Das Schwimmen kostete ihn viel Energie. Er drückte die Perle aus dem Wasser und hielt sie dem Mondlicht entgegen.
Keine zwei Sekunden später leuchtete sie leicht auf. Ihm wurde klar, dass er das schon einmal sah.
„Wie lange dauert das Aufladen?“
„Es wird ein bisschen Zeit in Anspruch nehmen. Sie scheint ziemlich geschwächt und wird einen Moment brauchen, ehe sie sich regenerieren kann.“
„Kommt der Soba auch so weit nach oben?“, wollte Frode wissen. Ihn beschlich das unangenehme Gefühl, eine perfekte Zielscheibe für das Monster zu sein.
Miranda überlegte einen Moment, ehe sie antwortete. Schließlich zuckte sie mit den Achseln.
„Ich weiß es nicht. Aber wenn er Licht scheut, dann vermutlich nicht.“ Logische Schlussfolgerung, dachte Frode. Doch eine Frage brannte ihm noch auf den Fingernägeln.
„Woher könnt ihr meine Sprache sprechen?“ Miranda lächelte. Sie erinnerte sich an eine vergangene Zeit zurück, ehe sie zu dem wurde, was sie war.
„Wir können uns nicht fortpflanzen, da die Schwanzflosse unseren Unterkörper einschließt. Nur, wenn wir jemanden genug Gift injizieren, schaffen wir es, Nachkommen zu zeugen. Wir sind äußerst selten.“
„Das heißt, du warst vorher auch ein Mensch?“ Miranda nickte.
„Leider kann ich mich an mein früheres Leben nicht mehr erinnern.“ Sie hielt einen Augenblick inne.
„Aber weißt du was? Ich trauere den vergangenen Tagen nicht nach. Wenn Soba uns nicht terrorisieren würde, hätten mein Volk und ich ein schönes und ruhiges Leben. Viel friedlicher als das, was ich als Mensch je haben könnte.“
„Wie willst du das wissen?“ Frode verstand nicht, aus welcher Erfahrung sie derartige Schlüsse ziehen konnte, wenn sie sich nicht an ihr früheres Leben erinnern konnte. Das Leben als Pirat war aufregend. Man sah verschiedene Orte und machte eine Menge Bekanntschaften.
„Ich habe häufig gesehen, wie Schiffe einander angriffen. Ich kann nicht verstehen, wieso man sich das Leben so schwer macht. Und weshalb riskiert wird, dass so viele Menschen bei einer Schlacht den Tod finden.“
Als Frode zu einem Konter ansetzen wollte, erkannte er, wie er versuchte, dass radikale Verhalten seines Vaters und anderer Piraten zu verteidigen. Dabei lag sie mit ihrer Auffassung nicht falsch.
„Da ist was dran.“, murmelte er leise.
Frode beschloss, sich etwas mehr auf die Perle zu konzentrieren. Sie hatte an Farbe gewonnen und leuchtete wesentlich stärker als zuvor. Ihre sanften Strahlen gaben ihm eine gewisse Wärme und Geborgenheit.
„Achtung!“ Miranda tauchte unter Wasser.
Verwirrt sah Frode um sich. Er konnte kein Schiff in der umliegenden Nähe ausmachen. Erst die Vibration unterhalb seiner Füße ließ ihn verstehen. Er schauderte. Anscheinend machte es Soba doch nicht so viel aus, an die Wasseroberfläche zu schwimmen.
Ihm blieb nichts anderes übrig, als die Perle wieder in sein Hemd zu stecken und unterzutauchen.
Die Größe Sobas jagte Frode einen riesigen Schreck ein.
Das schuppige Monster mit vier Flossen glitt langsam auf ihn zu. Es hatte das Maul ein Stück weit geöffnet, sodass ein Teil seiner dreckigen Zähne hervorstachen. Wie kleine Dolche steckten sie in seinem Zahnfleisch. Zusätzlich fixierten seinen Körper ein Paar schwarze Augen. Wie bestellt und nicht abgeholt machte es vor Frode halt. Als wartete das Monster darauf, Frode würde bereitwillig in sein Maul schwimmen.
Er dachte angestrengt nach.
Es gab keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Ein Kampf schien unvermeidlich. Entweder sie würden gewinnen und das Biest vertreiben oder im Bauch zersetzend verlieren.
„Komm schon, du gemeines Biest!“, brüllte er dem Koloss entgegen. Angriff war die beste Verteidigung. Soba kniff die Augen zusammen. Vermutlich sah er den Begriff ‚Biest‘ als Beleidigung an. Ob er etwa auch seine Sprache verstand?
Mit einer einzigen Flossenbewegung setzte Soba seinen massigen Körper in Bewegung. So dick wie er war, musste er viele von Mirandas Volk gefressen haben.
Dem ersten Angriff wich Frode geschickt aus. Er schwamm bauchlinks unter Soba hindurch. Dessen Körper sonderte eine stinkende Flüssigkeit ab, die Frode für kurze Zeit lähmte. Als er wieder zur Besinnung kam, sah er sich auf Sobas Augenhöhe wieder. Gierig leckte das Monster sich die Zähne und öffnete sein breites Maul.
Er hätte Frode fast geschnappt, wenn Miranda nicht in letzter Sekunde hervorgeschossen wäre und ihn zurückgezogen hätte.
„Dankeschön.“, rief Frode ihr zu.
„Keine Ursache.“, keuchte sie.
Mirandas Rettungsversuch stellte sich als erfolglos heraus, als Soba erneut einen Satz machte und sie zur Seite stieß, um freie Bahn zu Frode zu haben. Aus Angst vor dem Kommenden schloss der kleine Junge die Augen. Jetzt war er wieder nicht mehr, als auf dem Schiff. Ein Niemand, der zu nichts taugte.
Soba öffnete das Maul und schnappte zu.
Frode hatte keine Chance.

Bin ich schon tot, fragte sich Frode. Er öffnete die Augen und stellte fest, dass er gar nichts sehen konnte. Völlige Dunkelheit umgab ihn. Betrübt neigte er den Kopf zur Seite. Seine Mühe war vergebens gewesen. Das Monster hatte nicht nur ihn, sondern auch die einzige Hoffnung von Miranda und ihrer Familie verschluckt. Frode griff nach der Perle. Gäbe es nur einen Ausweg aus dieser brenzligen Situation.
Ihm kam die Perle in den Sinn. In ihr sah Frode die einzige Chance, noch etwas bewirken zu können. „Leuchte Perle, leuchte!“ Und tatsächlich. Wenige Sekunden später erstrahlte die Mondperle durch sein Hemd und erfüllte das Maul Sobas mit wohliger Wärme.
Ein Grummeln entfuhr seiner Kehle. Er würde Frode herunter schlucken.
„Wehe, du blödes Biest!“, brüllte Frode. Er holte die Perle unter seinem Hemd hervor und ließ ihre Energie auf Soba wirken.
Wie ätzende Sonnenstrahlen brannte sich das Licht in die Schleimhäute seines Körpers. Das Monster öffnete sein Maul und schrie vor Schmerz auf. Frode ergriff die Initiative und drückte Soba die Perle an den Gaumen. Dessen Körper begann fürchterlich zu brodeln. Der Gestank nach verbranntem Fleisch stieg Frode in die Nase.
Das würde fürs Erste reichen, dachte er.
Als er den Weg durch das Maul zurück in die Freiheit nehmen wollte, schnappte das Biest wieder zu. Es wollte Frode nicht ungeschoren davonkommen lassen. Doch ihm war nicht bewusst, dass der kleine Junge weiterhin die Perle einsetzen würde.
Er ätzte sich den Weg durch das Maul des Monsters und schwamm benommen hindurch. Der innere Gestank hatte seine Sinne stark beeinträchtigt.
Soba schäumte vor Wut und startete einen letzten Angriff auf Frode. Dieser drehte sich um, riss die Perlenkette von seinem Hals und warf sie dem Untier ins Maul.
Soba verschluckte das kleine Teil und hielt inne. Große Blasen bildeten sich auf seiner schuppigen Haut. Als sie platzten, rissen sie das Monster in seine Einzelteile.
Was übrig blieb, war die leuchtende Mondperle. Wie ein magisches Objekt schwebte sie in der Wassermasse.
Miranda und Frode schwammen hin, um sich das faszinierende Stück näher anzusehen.
„Soba hasste Licht. Jetzt wissen wir auch, warum.“ Miranda nickte erleichtert. Eine Träne der Freude lief ihr über die zarten Wangen.
„Dankeschön.“ Ihr Lächeln war für Frode unbezahlbar. Verlegen kratzte er sich am Kopf.
„Das war eine Kleinigkeit.“, grinste er.
„Komm.“, sie nahm ihn an die Hand und führte ihn zurück nach Schein.

Zuerst konnte das Volk den Worten Frodes kaum Glauben schenken. Doch als Miranda seine Aussage untermauerte, begannen sie zu verstehen. Sie jubelten und tanzten um die jungen Helden herum.
„Endlich befreit!“, riefen sie.
Auch der Meerjungmann, der sich als Vater von Miranda herausstellte – zumindestens als denjenigen, der Miranda zu dem machte, was sie war –, bedankte sich bei Frode.
„Du hast meinem Volk das Leben gerettet.“
Frode schüttelte ihm die Hand.
Nun war es Zeit für ihn, zu gehen.
„Möchtest du nicht hier bleiben?“ Flehend sah Miranda Frode an.
Sie hatte in ihm einen neuen Freund gefunden.
„Es tut mir Leid, aber ich muss wieder zurück.“ Mit dem Zeigefinger wies Frode auf die Wasseroberfläche.
Mit einem traurigen Gesichtsausdruck umarmte Miranda ihn.
„Du wirst mir fehlen.“, schluchzte sie. Frode konnte nicht anders, als zu lächeln. Endlich gab es jemanden, der ihn Wert schätzte. Nichts hatte er sich sehnlicher gewünscht.

Als er die Augen öffnete, stand er an die Reling gebeugt. Nanu? Wo war Miranda?
Hatte er das alles etwa nur geträumt?
Das Meer verhielt sich seelenruhig. Nicht einmal leichter Wellengang war auszumachen.
Einzig die Perlenkette um seinen Hals strahlte eine außerordentliche Helligkeit aus, die das übliche Nachtleben sonderbar erschienen ließ.
Er nahm die Kette ab und sah über die Wasseroberfläche. Kein Augenpaar blickte ihm entgegen.
Und dennoch war sich Frode sicher.
Das konnte er nicht nur geträumt haben.
Er holte aus und warf die Kette samt Perle über Bord. Ohne Ziel trieb sie oberhalb des Meeres ins Ungewisse. Frode machte kehrt und suchte die Kajüte seines Vaters auf.
Als er die massive Tür zur Seite drückte, glaubte er, etwas stärker geworden zu sein.
„Kapitän Karl?“ Dieser stand an seinem Schreibtisch und grübelte über den Seekarten. Vermutlich plante er eine neue Route.
„Was gibt’s, Junge?“
„Ich muss dir etwas mitteilen. Ich habe die Kette verloren.“ Mutig trat Frode einen Schritt näher. Er war auf alle Strafen vorbereitet, selbst wenn er wusste, dass die Perle wertlos war. Ihm machte es nichts mehr aus.
„So?“ Kapitän Karl war über das Selbstbewusstsein seines Knaben überrascht.
„Ja, ich habe sie ins Meer fallen lassen.“ Frodes Vater überlegte einen Augenblick. Sollte er seinen Jungen dafür ausschellten, dass er die Perle verloren hatte? Schließlich war ihm bewusst, dass es ein unnützes Ding war, das eh von Bord verschwinden sollte.
Er entschloss sich dazu, seinen Sohn abzumahnen.
„Das heißt Küchenarbeit für dich, Junge. Zwanzig Tage Rüben schälen.“
„Verstanden, Kapitän.“ Als Frode die Kajüte verließ, staunte Kapitän Karl nicht schlecht. Sein Sohn schien binnen weniger Stunden eine komplette Charakterveränderung durchlaufen zu haben. Ob auf der Perle vielleicht doch ein Fluch lag?

Ein letztes Mal wollte Frode nach der Perle sehen. Doch als er am Heck ankam, war sie verschwunden.
Zufrieden beugte er sich über das Holz und atmete die frische Seeluft ein.
Es war kein Traum gewesen. Ganz sicher nicht.
"Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden." (Mark Twain)
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