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Kurzgeschichte: Die Seifenblase

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Kurzgeschichte: Die Seifenblase

Beitragvon yije » 7. Sep 2013 21:03

Die erste Fassung zu "Die Seifenblase" habe ich im Dezember 2010 geschrieben.
Da mir die Geschichte sehr gefiel, der Text aber leider nicht so besonders gut war, habe ich sie Ende 2012 nochmal umgeschrieben.

Was haltet ihr von der Geschichte =)?

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Jeden Tag schaute sie zum Fenster hinaus. Weder in den letzten Tagen noch in den vergangenen Wochen hatte sich an der unheilvollen Tatsache etwas geändert. Nichts wünschte sie sich sehnlicher, als dass er bald wieder zurückkehren würde.
„Mama, spielst du etwas mit mir?“ Sie nahm ein leichtes Ziehen an ihrem Rock wahr. Mühsam wandte sie ihren starren Blick von der tristen Backsteinstraße ab. Ihre Tochter hatte in den letzten Wochen am Meisten gelitten. Sie hätte jede einzelne Minute für sie da sein müssen. Aber sie konnte nicht.
Sie fühlte sich wie in einer Glaskugel sitzen. Alles, was an sie herangetragen wurde, nahm sie nur wie ein weit entferntes Raunen wahr. Verzweifelt versuchte sie ein Schluchzen zu unterdrücken. Dann bückte sie sich vorsichtig zu ihrem Kind hinunter.
Sie wollte ihr sagen, dass sie keinen Nerv dazu hätte, jetzt mit ihr zu spielen.
Doch der traurige Gesichtsausdruck von Sophie zwang sie dazu, sich etwas zu überlegen.
Noch bevor das kleine Mädchen nach einem konkreten Spiel fragen konnte, fiel ihr selbst etwas ein. Etwas, dass ihre Tochter sicherlich noch nicht kannte.
Es könnte unter Umständen sogar dafür sorgen, dass sie für einen Augenblick die Trauer und Ungewissheit über das Verbleiben ihres Mannes aus dem Gedächtnis verbannte.
Sie erinnerte sich an eine Zeit, bevor sie Hausfrau und Mutter wurde. Dabei tauchte sie in ihre eigene Vergangenheit ein und dachte daran, wie es war, selbst mal ein Kind gewesen zu sein.
„Hast du Lust, Seifenblasen zu pusten?“, wollte sie von ihrer Tochter wissen.
„Was sind Seifenblasen?“, fragte das kleine Mädchen neugierig. Ihr Gesichtsausdruck verriet bereits, dass sie, auch wenn sie mit dem Spiel noch nichts anfangen konnte, sich insgeheim schon darauf freute.
Marie war auf die Frage ihrer Tochter nicht vorbereitet. Wie erklärte man so etwas am besten? Und was könnte sie noch dazu sagen, um den Anreiz, sich mehr damit zu beschäftigen, zu verstärken?
Ihr kam ein interessanter Gedanke. Sie wusste, dass sie Sophie anlügen würde. Doch es ging nicht anders. Wenn sie ihrer Tochter etwas mehr Hoffnung schenken wollte, dann war das jetzt die perfekte Gelegenheit.
Maria strich sich langsam durch das Haar und atmete einmal tief aus.
„Eine Seifenblase sieht kugelförmig aus. Du musst sie dir wie deinen Ball vorstellen. Doch im Gegensatz zu deinem Ball schimmert eine Seifenblase.“
Die Augen von Sophie begannen zu leuchten und mit dem Mund formte sie ein großes O.
„Seifenblasen entstehen nur, wenn du ihnen einen Grund zum Leben gibst.“
„Was heißt das?“ Sophie legte den Kopf schief. Als versuchte sie, die Aussage ihrer Mutter aus einem anderen Blickwinkel betrachten.
„Wenn du eine Seifenblase entstehen lässt, dann musst du dir etwas wünschen.“ Sie holte nochmals tief Luft, ehe sie weitersprach.
„Je größer die Blase wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass dein Wunsch in Erfüllung geht.“
Wieder zog das kleine Mädchen am Rock ihrer Mutter. Dieses Mal jedoch etwas aufgeregter.
„Lass uns das spielen, Mama!“, forderte sie.
Sie beschwichtigte das vor Freude hüpfende kleine Mädchen und ging mit ihr hinaus in den Schuppen.
Dort lagen die benötigten Materialien, um Seifenblasen produzieren zu können.
„Schau her, Sophie.“
Sie sah ihrer Mutter zu, wie sie etwas Wasser mit flüssiger Seife in einem Becher vermischte, zwei Drahtseile miteinander verband und am oberen Ende einen kleinen Kreis zusammen bastelte.
Danach tunkte sie den oberhalb befestigten Kreis in die schimmernde Flüssigkeit.
Eine Silhouette bildete sich zwischen dem steifen Material.
Vorsichtig pustete sie in den durchsichtigen Schein hinein. Eine hohle Kugel entstand, welche von Sekunde zu Sekunde an Volumen gewann.
Vor Begeisterung klatschte Sophie in ihre kleinen Hände.
„Das sieht toll aus, Mama!“, jubelte sie.
Die kleine Seifenblase löste sich von dem Drahtseil und stieg in die Luft hinauf.
Zufriedenstellend gab sie vorsichtig den kleinen „Seifenblasenmacher“ an ihre Tochter weiter. Hoffentlich würde sich Sophie nicht damit verletzen, dachte sie unruhig. Der Draht war an den Enden noch ziemlich spitz.
Ganz behutsam nahm Sophie den „Seifenblasenmacher“ entgegen. Als fürchtete sie, er könnte in ihren Händen zerbrechen.
Schmunzelnd sah sie ihrem Kind zu, wie es zum ersten Mal probierte, eine richtige Seifenblase zustande zu bringen.
Gedankenverloren dachte sie an ihre ersten Versuche zurück. Damals lachten ihre Eltern über die Tollpatschigkeit der eigenen Tochter, denn sie stellte sich mehr als nur ungeschickt mit der Seifenflüssigkeit an. Immer wieder war ihr der Becher aus den Händen gefallen. Daraus schlussfolgerten ihre Eltern, dass sie weder Geduld noch Geschicklichkeit zu ihren vorteilhaften Eigenschaften zählen konnte.
Geduld. Dieses einzige Wort katapultierte sie in die Wirklichkeit zurück. Ihr war bewusst, dass er nicht schon nach zwei Tagen wieder heimkehren konnte. Und dennoch fiel es ihr schwer, mal einen Augenblick nicht daran zu denken, was in der Zwischenzeit hätte alles passiert sein können.
Abwesend sah sie Sophie zu, wie diese eine Seifenblase nach der anderen entstehen ließ. Sie musste das Talent von ihrem Vater geerbt haben.

Der Tag neigte sich dem Ende zu. Die Abenddämmerung ließ in den frischen Frühlingstagen nicht lange auf sie warten. Dunkle Schatten bildeten sich über dem Himmel und verdeckten den schwach leuchtenden Halbmond.
Während Maria das Abendessen für sich und ihre Tochter vorbereitete, saß Sophie in der Badewanne und wusch sich den Seifenfilm von den Armen und Beinen ab.
Es läutete an der Tür.
Wer mochte uns zu dieser späten Stunde noch aufsuchen, überlegte sie.
Es läutete ein weiteres Mal.
„Kleinen Moment noch.“, rief sie dem Wartenden entgegen. Schnell legte sie den Käse zur Seite, nahm sich ein Tuch und wischte sich die klebrigen Überreste von den Händen ab.
Vor der Tür standen zwei Männer in triefender Uniformkleidung. Es hatte angefangen, zu regnen.
Für den Bruchteil der Sekunde schossen Maria tausende Gedanken durch den Kopf. Ihr Magen verkrampfte sich. Es konnte nichts Gutes bedeuten, wenn das Wachpersonal zu solch einer Zeit noch an der Haustür klingelte.
„Treten Sie doch ein, …“, bot sie an.
Keiner der beiden machte Anstalten, auch nur ansatzweise das Haus betreten zu wollen. Sie schüttelten nur die Köpfe.
„Wir sind hergekommen, um ihnen eine Nachricht zu überbringen.“, setzte der eine an.
„Madame?“ fragte der andere, als ihm auffiel, dass die junge Frau vor ihm nicht ihn ansah, sondern eher durch beide hindurchschaute. Glaubte sie etwa, da stünde noch jemand hinter ihnen?
Maria redete sich ein, dass alles gut war. Sie durfte jetzt nicht die Fassung verlieren. Sie musste stark sein. Für sich und Sophie.
Doch die Worte des Wachpersonals der Stadt schubsten sie förmlich vom Rand einer steilen Klippe.
Nachdem sie die Tür geschossen hatte, sank sie zu Boden. Sie zitterte am ganzen Körper. Wie Espenlaub. Tränen rannen ihr über das Gesicht.
Das Schluchzen ließ sich nun nicht mehr unterdrücken.
Verschollen, sagten sie. Was sollte man sich darunter vorstellen? Wie konnte jemand von einem Schiff auf hoher See ohne weiteres verschwinden?
Durfte sie noch hoffen oder sollte sie endgültig den Glauben an eine Rückkehr ihres Mannes verlieren?
Mit den Armen umfasste sie ihren ganzen Leib. Wieso hörte das Zittern nicht auf?
„Mama, Mama!“, rief die kleine Sophie aus dem Badezimmer.
Nur sehr langsam wurde der jungen Mutter bewusst, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als stark zu sein. Sie durfte ihre Tochter nicht schon wieder vernachlässigen. Das musste ein Ende haben.
Sie wischte sich die Tränen von den Wangen und stand auf. Der Gang zum Bad fiel ihr schwerer, als alles andere. Sophie ermahnte sie, vorsichtig die Tür zum Badezimmer zu öffnen.
Maria löste sich von all den traurigen Gedanken, denn dass, was sie zu Gesicht bekam, hatte die junge Mutter noch nie in ihrem Leben zuvor gesehen.
Etliche Seifenblasen schwirrten durch den kleinen Raum. Wie seichte Kristallkugeln umhüllten sie das Ebenbild ihrer kleinen Tochter.
„Schau mal, Mama!“ Sie wies mit dem Finger auf eine Seifenblase, welche schwer über ihr schwebte.
Fassungslos betrachtete Maria die riesige Seifenblase. Keine andere hatte in diesem Raum so stark an Volumen und Größe gewonnen.
„Von dieser Seifenblase wünsche ich mir, dass Papa bald wieder nach Hause kommt.“ Ihr strahlendes Lächeln färbte ab.
Ein schwaches Leuchten war in den Augen von Maria zu erkennen. Innerlich rang sie mit sich selbst.
Sie hatte Angst, wieder die Fassung zu verlieren.
Letzten Endes aber färbte doch ein Hauch von Sophies positiver Motivation ab.
„Das wünsche ich mir auch.“
"Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden." (Mark Twain)
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