Aktuelle Zeit: 19. Sep 2017 22:38

Geschichte: Elemenaria

AbonnentenAbonnenten: 0
LesezeichenLesezeichen: 0
Zugriffe: 322

Geschichte: Elemenaria

Beitragvon yije » 12. Jun 2014 14:07

Elemenaria
-in Zusammenarbeit mit Gaara-


Wir schreiben das Jahr 2121.
Die Erde hat in den vergangenen 30 Jahren extrem gelitten. Neben einer unheilvollen nuklearen Umweltkatastrophe, welche gemäss statistischen Berichten 3 von 6 Kontinenten radioaktiv verseucht hat, wurde das noch übrig gebliebene fruchtbare Land von Katastrophen heimgesucht, die ihren Ursprung in der Natur fanden. Überflutungen, Erdrutsche und Dürreperioden stürzten meine Heimat in eine tiefe Krise...


"Floris?" Vor Schreck zuckte ich zusammen. Aella hatte ihre Hand auf meine Schulter gelegt und sah mich mit ihren kastanienbraunen Augen besorgniserregend an.
"Was gibt es?" Ich sah mich im Klassenzimmer um. Bis auf mir sass niemand mehr an seinem Platz.
"Es hat geklingelt. Vor 5 Minuten." Sie wies mit ihrem Finger auf die über der Klassenzimmertür hängende Uhr.
"Oh.", murmelte ich. Ich legte den Stift zurück in die Federtasche und schloss den Notizblock. Innerlich spürte ich Enttäuschung in mir aufsteigen. Ganze 4 Sätze hatte ich in einer Stunde zustande gebracht.
"Mach dir nichts daraus. Viele wussten nicht, was sie schreiben sollten." Aella versuchte mich aufzumuntern. Erneut. Wie vergangene Woche. Und der Woche zuvor. Leider half es nicht. Ich wusste ihre Bemühungen zu schätzen, doch konnte ich mich einfach nicht von dem Gedanken lösen, eine Versagerin zu sein.
"Schon gut. Es ist in Ordnung." Ich hob meine schwarze Mappe vom Boden auf, quetschte Federtasche und Notizblock zwischen die übrigen Schulbücher und stand auf.
"Nein, ist es nicht. Du machst dich unnötig fertig. Und du weisst, woran es liegt. Nicht wahr?" Ich liess einen Augenblick verstreichen, ehe ich mich entschied, zu antworten. Bisher hatte sie sich nicht so ausführlich mit mir darüber versucht zu unterhalten.
"Ja." Es ärgerte mich. Ungemein. Noch vor 3 Wochen war alles in Ordnung gewesen. Weder die Konzentration auf das Wesentliche noch das Schreiben fiel mir schwer. Aber dann hatte sich auf Schlag alles geändert. Mit den Prognosen kamen die Zweifel, Ängste und nicht zuletzt: mein Problem.
"Warum lässt du davon nicht ab?" Aella lag das Thema offensichtlich sehr am Herzen. Sie fühlte sich dazu berufen, jedem Menschen zur Seite zu stehen, der Hilfe benötigte. Ihre Prognose fiel gut aus. Sie bestärkte Aella in ihrem Vorhaben, gute Arbeit leisten zu wollen.
"Der Hang zum Perfektionismus lässt sich nicht so leicht abschalten.", erwiderte ich nüchtern.
"Aber er blockiert dich. Du solltest dich nicht dermassen von deiner Prognose unter Druck setzen lassen."
"Was habe ich für eine Wahl?" Darauf wusste Aella auf Anhieb keine Antwort. Sie kannte meine Werte und wusste, wo mich meine Schule am Liebsten sehen würde. Ich schob den Stuhl an den Tisch und verliess das Klassenzimmer. Aella folgte mir.
"Die Prognose ist eine Empfehlung unserer Lehrkräfte. Es kann doch gut möglich sein, dass sich die Prüfer anders entscheiden und dich nicht zu den Elemenaren schicken." Ich hielt an und drehte mich zu ihr um.
"Die Wahrscheinlichkeit halte ich für sehr klein. Hat es sowas überhaupt schon einmal gegeben?"
Aella schwieg. Ich verstand ihre Zurückhaltung. Sie hing sehr an ihrer Prognose und wollte sich selbst nicht eingestehen, dass die Prüfer in ihrem Fall eine andere Entscheidung fällen könnten.
Erst als ich mich der Treppe zuwandte, meldete sich Aella wieder zu Wort.
"Darf ich dich etwas fragen, Floris?"
Am liebsten hätte ich den Kopf geschüttelt. Mir war diese Art von Unterhaltung sehr unangenehm. Doch konnte ich meiner besten Freundin keine Bitte abschlagen.
"Ja?"
"Mit der Ausbildung zur Elemenarin zählst du zur Elite der Stadt. Warum hast du solche Angst davor?"
Bei dem Gedanken an die Elemenaren schüttelte es mich. Ich setzte mich auf die Treppe und atmete tief ein und aus. Aella hockte sich neben mich hin und legte eine Hand auf mein Knie.
"Kannst du dich noch an unseren Theaterausflug erinnern?"
"Wer könnte das nicht? Die am Galgen baumelnde Leiche hat sicher kein Schüler vergessen." Alleine beim Wort Leiche drehte sich mir der Magen um.
"Eine Einheit von Elemenaren stürmte das Theater, nachdem sie den Mörder unter der Schauspielgruppe ausfindig gemacht hatten."
"Ja, das war eine wirklich spektakuläre Vorstellung." Ich ging nicht auf ihren Kommentar ein und fuhr unbeirrt fort.
"Ich hatte eins meiner Schulbücher im Saal vergessen und war einige Tage später nochmals hingegangen um nachzufragen, ob es beim aufräumen gefunden wurde. Das freundliche Kassenpersonal hatte das Buch tatsächlich zwischen den Sitzen gefunden und mir zurückgegeben. Als ich hinausgehen wollte, begannen sich die zwei Damen an der Kasse über den Vorfall zu unterhalten. Sie sprachen davon, dass unsere Schulklasse viel Glück gehabt hätte. Der Täter sei unsauber vorgegangen, sodass die Elemenaren rechtzeitig einschreiten und ihn festnehmen konnten. Sie hätten jedoch so lange gewartet, bis der Täter einen entscheidenen Fehler beging."
"Was für einen Fehler?", wollte Aella wissen.
"Scheinbar hatte er im Boden unter der Bühne eine Bombe angebracht. Kurz vor deren Detonation überprüfte er sie nochmals."
"Warum eine Bombe? Das verstehe ich nicht. Wieso hatte er dann vorher noch einen Schauspielkollegen umgebracht?"
"Wahrscheinlich kam der Schauspielkollege hinter seine Pläne und wollte ihn melden. Jedenfalls klebte... Blut vom... ... ... Verstorbenen... an der Bombe."
"Gut möglich. Aber was hat das mit den Elemenaren zu tun? Und vor allem, woher weisst das mit dem Blut an der Bombe? Der Fall wurde weder der Presse gemeldet, noch in der Schule besprochen."
"Mich liess die Unterhaltung des Kassenpersonals nicht in Ruhe. Deshalb habe ich im Arbeitscomputer meines Vaters nach der digitalen Akte des Falles gesucht. Aber erzähle das bitte nicht weiter, ja?" Zwar gehörte mein Vater nicht zu den Elemenaren, doch war sein Beruf mit der gesetzgebenden und richterlichen Gewalt eng verbunden, sodass er im Besitz über viele wichtige und vor allem geheime Unterlagen war. Aella lachte und nickte.
"Dem Bericht zufolge trug man den Elemenaren auf, erst einzugreifen, wenn die Situation eskalieren würde. Wir hätten alle sterben können. Und sie hätten zugesehen. Ohne Emotionen zu zeigen. Genauso wie bei der Evakuierung."
"Du hast Angst vor ihrer Skrupellosigkeit und bist dir nicht sicher, ob du die Ausbildung meistern kannst.", schlussfolgerte Aella. Ich sah auf die grauen Stufen der Treppe.
"Ein Elemenar lässt sich nicht von Emotionen leiten. Er arbeitet effektiv, ohne Rücksicht auf Verluste, dem System zuliebe. In gefährlichen Situationen dürfen sie nicht die Kontrolle verlieren. Wenn es brenzlig wird, müssen sie Entscheidungen treffen, die uns nachhaltig fördern und nicht schädigen. Und jetzt schaue mich an. Was siehst du?" Ich sah ihr traurig in die Augen. Vor ihr sass ein 14-jähriges Mädchen, mit langen blonden Haaren und grünen Augen, einer zierlichen Figur, was sich selbst eingestehen konnte, vorsichtig, schüchtern und naiv zu sein. Für diese Art von Arbeit war ich nicht geschaffen. Die Ausbildung würde ich niemals überstehen.
"Du solltest nicht so sehr an dir zweifeln. Bis zur Prognose hattest du keine Probleme in der Schule. Fragen wie 'Bitte verfassen Sie einen Aufsatz über die Geschichte unserer Stadt.' haben dich nicht aus der Fassung gebracht. Du kannst das! Ich weiss es! Und ich werde dir helfen. Du musst das nicht alleine durchstehen."
"Bist du dir sicher?" Die Frage war überflüssig. Denn ich kannte die Antwort. Aella war seit meinem 7. Lebensjahr für mich da. Sie hatte mich noch nie im Stich gelassen.
"Selbstverständlich! Lediglich eine Bedingung würde ich gerne an meine uneingeschränkte Unterstützung knüpfen." Sie zwinkerte mir zu und grinste.
"Die wäre?", wollte ich wissen. Gemeinsam standen wir auf.
"Du musst mir unbedingt beim lernen helfen. Auch ich habe nicht mehr als 3 Sätze zustande gebracht. Und ich leide nicht an einer Schreib- oder Konzentrationsblockade."
"Das lässt sich bestimmt einrichten.", antwortete ich erleichtert.

Wir schreiben das Jahr 2121.
Die Erde hat in den vergangenen 30 Jahren extrem gelitten. Neben einer unheilvollen nuklearen Umweltkatastrophe, welche gemäss statistischen Berichten 3 von 6 Kontinenten radioaktiv verseucht hat, wurde das noch übrig gebliebene fruchtbare Land von Katastrophen heimgesucht, die ihren Ursprung in der Natur fanden. Überflutungen, Erdrutsche und Dürreperioden stürzten meine Heimat in eine tiefe Krise. Recherchen zufolge wusste nur eine kleine Nation sich vor der wandelnden Bedrohung zu schützen. Diese errichtete mitten in der Wüste eine Stadt. Sie wird 'Donec' genannt, die letzte Stadt der Welt.
Um den Bevölkerungsstand zu sichern und Nahrungsmittelknappheit auszuschliessen, wurde Donec einer Pyramide gleich gebaut. Es gibt 10 Ebenen.
Ebene Nr. 1 beherbergt kein menschliches Leben. Sie wird als Kanalisation genutzt.
Ebene Nr. 2 befasst sich mit der Landwirtschaft und Industrie. Dort werden verschiedene Getreidesorten, Milchprodukte und Fleisch produziert, welche an Ebene Nr. 3 und Ebene Nr. 4 weiterverkauft werden.
Ebene Nr. 3 widmet sich der Handwerksarbeit. Neben Ebene Nr. 4 ist sie die grösste Ebene. Hier finden sich Bauarbeiter, Elektrospezialisten, Textilgestalter, Schuhmacher, Bäcker, Glaser, Uhrmacher und viele mehr.
Ebene Nr. 4 dient der Stadt als Markt. Auf dieser Plattform wird mit diversen Waren gehandelt.
Ebene Nr. 5 kümmert sich um die Produktion von Waren, die in wohlhabendere Kreise verkauft werden. So u.a. teurer Schmuck. Weiterhin befinden sich auf dieser Ebene zur Unterhaltung ein Theater, ein Kino und kleinere Restaurants.
Ebene Nr. 6 ist neben Ebene 2 eine der wichtigsten Ebenen. Auf dieser Plattform arbeiten unsere Mediziner. Das riesige Krankenhaus soll in der Lage sein 80% der Bevölkerung Donecs aufzunehmen und medizinisch zu versorgen.
Ebene Nr. 7 hat sich der Ausbildung junger Menschen verschrieben. Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren werden in den Grundfächern Deutsch, Mathematik, Geschichte, Biologie und Sport ausgebildet. Kurz vor Beendigung der 8. Klasse gibt die Schule eine Prognose ab. Diese dient dem folgenden Leibtest als Richtwert. Jeder Schüler ist verpflichtet, sich dem Leibtest zu unterziehen. Die Prüfer entscheiden letzten Endes, welchen Ausbildungsweg der Schüler einzuschlagen hat.
Ebene Nr. 8 befasst sich mit der Forschung. Diese arbeiten u.a. stetig am Kraftfeld, welches die ganze Stadt wie eine halbförmige, goldene Kugel umgibt und vor weiteren Naturkatastrophen schützt.
Auf Ebene Nr. 9 sitzt unsere Regierung. Sie hält das Gleichgewicht zwischen den einzelnen Ebenen aufrecht und ist zuständig für die Wahrung und Einhaltung unserer Gesetze. Wer sich gegen das System wendet, und gegen die Gesetze der Stadt verstösst, hat sich vor dem Richterstab zu verantworten.
Ebene Nr. 10 wird als "Spezialebene" bezeichnet. Sie ist die kleinste aller Ebenen. Die Spitze überwacht und kontrolliert die Stadt. Hier leben die Elemenaren. Abgeschottet vom Rest der Bevölkerung.

Ich überlegte, ob die Ausführungen zu Donec reichen würden. Viel mehr gab es über unsere Pyramdienstadt schliesslich nicht zu erzählen. Sie wurde innerhalb weniger Jahre unter schwierigsten Umständen erbaut, beherbergte etwa 100 000 Menschen und war von der Aussenwelt vollkommen abgeschnitten. Die Tatsache, dass mehrere Fahrstühle im Kern der Stadt als Transport- und Reisemittel zwischen den einzelnen Ebenen fungierten, hielt ich für eine überflüssige Information, die nicht zwangsläufig im Aufsatz über die Geschichte unserer Stadt erwähnt werden musste.
Ich legte den Notizblock zur Seite und stand von meinem Bett auf. Es war höchste Zeit, meine Blumen zu giessen. Wohlwollend betrachtete ich mein Zimmer. Schreibtisch und Bett standen vor einem riesigen Fenster, dass bis zum Boden reichte, der Kleiderschrank stand dem Bett gegenüber, direkt neben der weissen Zimmertür. Den übrigen Platz verwendete ich für meine Pflanzen. Unzählige kleine Töpfe reihten sich an der Wand entlang. Einige wuchsen sogar an der Decke entlang. Meine Ruheoase. Wenn ich nicht mit Aella auf Ebene 4 unterwegs war, verbrachte ich die Freizeit am liebsten hier.
Mutter und Vater verstanden meine Liebe zu den Pflanzen nie so recht. Zweimal versuchten sie, den 'Tropenwald' einzudämmen, indem sie heimlich Pflanzen wegnahmen. Ich bemerkte es sofort und bat um Rückgabe. Sie konnten mir diese eine Leidenschaft nicht verweigern.
Es klopfte an der Tür.
"Flo? Flo? Flo?"
"Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden." (Mark Twain)
Benutzeravatar
yije
Forum Admin
 
Beiträge: 44
Registriert: 08.2013
Geschlecht: weiblich

Re: Geschichte: Elemenaria

Beitragvon Gaara » 17. Jun 2014 00:06

Das stete Raunen der vorübereilenden Ebenen und die Stimmen meiner Mitschüler, die ich nur undeutlich wie durch eine Wand aus Wasser vernahm, umhüllten mich. Immer wieder landete helles Licht auf der kleinen, zusammengezwängten Gruppe, und verschwand wieder, sobald wir eine weitere Ebene hinter uns ließen. Einige 'Abgänger', Schüler der Abschlussklassen, waren bereits auf Ebene 6 und 5 ausgestiegen und trotzdem drückte der Fahrstuhl die Restlichen zu einem unangenehme Gedränge aus Gliedmaßen und Taschen zusammen, während von oben frische Luft durch die Belüftungsanlage zwischen die Wartenden gestoßen wurde. Mein Kopf war leer und die Enge schnürte mir die Kehle zu.
Mit sehnsüchtigem Blick starrte ich auf die Anzeige über der Tür, als nach einer gefühlten Ewigkeit ein kleines Klingeln ertönte. 'Ebene 4 - Markt'. Es wurde stiller, nachdem sich ein Großteil der Gruppe von den wenigen Freunden verabschiedeten, die noch weiterfuhren, und die großen Glastüren entschwebten zu beiden Seiten.
Ich trat schnellen Schrittes heraus und ließ meine Mitschüler hinter mir, froh, der Enge des Fahrstuhls entkommen zu sein, doch noch immer nicht frei vom wachsenden Gefühl, erdrückt zu werden. Die Geschäfte und Marktstände der 4. Ebene Donecs reihten sich aneinander und während einige Händler lautstark ihre Waren anpriesen, kamen andere auch schweigend zu ihrem Geld. Das trügerische Sonnenlicht, das durch die goldschimmernden Wände der Pyramide drang, erhellte jeden Winkel. Jeder Gang, jeder einzige Laden, wirkte einladend und freundlich. Die Einwohner Donecs hielten sich gern auf dem Markt auf, doch ich konnte es nicht ertragen, wie sie sich vom Äußeren der Ebenen blenden und schweigend ihr Leben an sich vorüberziehen ließen.
Jeden Tag nahm ich den zweiten Fahrstuhl der Ebene 7, der mich am nähsten zu Beckys kleinem Stand brachte. Rebecca, 'Becky', verkaufte das wenige Obst und Gemüse, das sich auf Ebene 2 von ihrem älteren Sohn Nate anbauen ließ, und dazu noch selbstgebackenes Brot. Früher hatte Beckys Mann Ed auf Ebene 2 gearbeitet und dort für das geringe Einkommen der Familie gesorgt, doch vor einem knappen Jahr hatte man ihn erschossen. Offiziell war er bei einem Feuer auf Ebene 2 umgekommen, aber von einem Feuer hatte man dort nie etwas gesehen, genau wie die Leiche spurlos verschwunden blieb. Nate fand nur wenige Tage später heraus, dass sein Vater versuchte, einen der Lüftungsschächte frei zu machen, um so die riesige Pyramidenstadt zu verlassen. Er schien geglaubt zu haben, dass die Regierung uns belog und es weit entfernt von Donec normales Leben gab. Dass die verstrahlte Hälfte unserer Kontinente gar nicht verstrahlt war und die Führungskräfte viele Dinge unter den Tisch kehrten. Wenn wir solche Gedanken äußerten, waren es alberne Fantasien von dummen Kindern, doch Ed's Überlegungen waren ernstzunehmen und schienen der Regierung nicht gepasst zu haben. Aus Angst vor den Folgen, hatten mein Vater William, den ich meist nur Bill taufte, und Rebecca Nate und mir verboten, uns darüber zu unterhalten und mit anderen auszutauschen. Deswegen hatten wir schnell begonnen, unsere Gedanken für uns zu behalten und sie nur einander an den abgelegensten Orten der 1. Ebene zu erzählen. Nachdem Ed gestorben war, hatte Nate seinen Platz auf Ebene 2 eingenommen und arbeitete hart, um in die Fußstapfen seines Vaters treten zu können. Trotz des kleinen Verkaufs reichten Nates und Beckys Einnahmen kaum zum Leben und sie bewohnten noch immer eine der kleinen Bauten in Tenebrae.
Tenebrae war unsere Ebene. All das, was Donec auf den oberen Ebenen so vollkommen erscheinen ließ, endete hier in seiner schlimmsten Unvollkommenheit. Durchzogen von Abwasserkanälen, Luftschächten und Versorgungsleitungen, sollte die erste Ebene unbewohnt bleiben, doch keiner der Menschen hier hatte eine Chance, sich jemals eine der modernen Wohnungen der oberen Ebenen leisten zu können. Wer einmal hier landete, dem konnte man kaum Hoffung machen, und wer hier geboren war, würde es sowieso nie heraus schaffen. Wächter kamen fast nie nach Tenebrae und wenn sie sich hier her verirrten, zeigten sie kein Interesse an den verarmten Leuten, den verhungernden und kranken Gestalten, die durch die Gänge zogen, als wäre alles Leben aus ihnen herausgesaugt worden. Sobald sie wieder auf einer der oberen Ebenen waren, taten sie unwissend. Es sei unvorstellbar, dass jemand auf der ersten Ebene überleben könne und sie würde sowieso regelmäßig kontrolliert. Offiziell gab es kein Leben auf Ebene 1. Aber offiziell gab es in Donec sowieso nichts, was nicht in das perfekte Bild der Führungskräfte passte.
Ich erreichte Beckys kleinen Marktstand. Auf knappen fünf Metern fand sich die bunteste Auswahl von Früchten zusammen. Von allem gab es nur wenig und selbst das wurde Becky meist nur schwer los. Die Einwohner Donecs verzichteten gern auf das frische Obst und Gemüse, denn all die Zeit hatte genug Vielfalt an anderen Nahrungsmitteln mit sich gebracht. Meist traf man hier auf die wenigen Stammkunden oder Neugierige, die durch das farbenfrohe Leuchten angezogen wurden.
Ich lächelte Becky entgegen, die einen Bund Karotten in eine der braunen Papiertüten packte. "Hallo Fynnigan." grüßte sie und verabschiedete ihre Kundin. Ich verschwand hinter dem Vorhang, der das kleine Lager hinter dem Stand verbarg und nahm mir das Brot, das Becky einmal wöchentlich für mich und meinen Vater zurücklegte. "Danke." hauchte ich und roch daran, als sie zu mir trat. Von der Seite warf sie mir musternde Blicke zu. Ich sah zurück und sie lächelte. "Wie war die Schule?" Mit geschickter Technik trennte Becky die Stängel von den kleinen Tomaten und warf sie in den Abfalleimer neben sich. Wir schwiegen eine Weile. Meine Gedanken überschlugen sich und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Die letzten Tage waren schwierig gewesen. Es gab viele Test, seitenlange Aufsätze wurden geschrieben und Dinge, die mir vor wenigen Wochen noch logisch erschienen, waren urplötzlich wahnsinnig verwirrend. Mein Leben lang wusste ich immer, wer ich war und was ich wollte, doch die letzten Tage waren wie ein heftiger Schlag ins Gesicht. Ich fühlte mich, wie auf einer dünnen Eisschicht. Jeder Schritt musste sorgsam gesetzt werden, und obwohl ich diesen zugefrorenen See schon so oft überquert hatte, war die Erinnerung, an die sicheren Stellen wie weggefegt.
"Die Prognosen sind nur eine Einschätzung. Letztlich ist noch nichts entschieden." murmelte Becky plötzlich und stoppte in ihrer Arbeit. Ich starrte auf die Erdbeeren vor mir, das Brot fest in beiden Händen. "Ich will es so." raunte ich, innerlich immernoch unsicher, als ich meine Stimme wiedergefunden hatte. "Miss Rebecca?" Die Stimme einer älteren Dame erreichte uns, doch keiner zeigte Reaktion. Beckys Blick schien überrascht und verwirrt, doch sie antwortete ihrer Kundin wenig später mit liebevollem Singsang. "Ich bin sofort bei Ihnen, Misses Palecoff." Zu mir gewandt sagte sie: "Wir sehen uns später." Unsere Blicke trafen sich für einen Moment und ich konnte die Sorge klar in ihren Augen erkennen. Becky ging eilenden Schrittes nach vorn, wobei sie sich die blaue Haarschleife in ihrem haselnussbraunen Haar zurecht rückte.
Ich steckte das Brot in meine Schultasche, öffnete das große Abflussgitter hinter dem ausladenden Regal und schob es beiseite, so dass ich geschickt hineingleiten konnte. Mit großem Kraftaufwand, zog ich das Gitter zurück auf das Loch und ging, immer leicht gebeugt, bis zu der Tür wenige Meter gegenüber. Vollkommen geräuschlos drückte ich sie auf und nahm die Stufen der unzähligen Treppen, die sonst nur den Wächtern bekannt waren. Ebene 1 konnte nur durch diese Treppenhäuser, die sich durch die Wände der Pyramide zogen, erreicht werden. Stufe um Stufe ging ich tiefer und tiefer. Ich erreichte die Tür, die in die Kanäle Tenebraes führte und folgte dem Abwasserfluss, bis sie in die Tiefen der Reinigungsanlage verschwanden. Während das Wasser in die Tiefe fiel, sprang ich eine hohe Stufe hinauf, die auf das enorm große Dach der Anlage führte. Hier befand sich der kleine Handel der verarmten Einwohner von Ebene 1. Ich sah von Stand zu Stand, grüßte hier und dort kurz nickend und folgte dem langen Weg bis zu unserem Schlafplatz. Mein Vater hatte uns zwischen zwei großen Stahlträgern ein Zuhause geschaffen. Viele Holzreste hatte er aufeinander gestapelt und so Wände an beiden Seiten hochgezogen. Zur Gasse hin stand ein recht breites, altes Regal, sodass man kaum Einsicht in die kleine Hütte hat. Vor dem Eingang hing ein großer Vorhang.
Automatisch hob ich ihn mit dem Handrücken zur Seite und huschte hindurch. "Hallo Bill." begrüßte ich meinen Vater. Er strich sich das dreckige, dunkle Haar aus dem Gesicht und sah kurz von seiner Holzarbeit zu mir auf. "Ah, Fynn. Becky sagte mir, du könntest das Brot holen-" "Ist hier." antwortete ich, zog es aus meiner Tasche und legte es auf den kleinen Tisch. Dann streifte ich die Jacke ab, warf sie auf mein Bett und zog eine Hose und ein Shirt mit langen Ärmeln aus dem Regal, in dem mein Vater und ich all unser Hab und Gut sammelten. "Willst du schon wieder gehen?" erkundigte sich Bill von der anderen Seite des Raumes. Ich brummte zustimmend, als ich mich von meinem Rock und dem weißen Hemd befreit hatte. Etwas in Eile sah ich auf und ein paar große, aschgraue Augen schauten mir entgegen. Das braune Haar war fein säuberlich zusammengesteckt und einzelne Strähnen reichten bis über die Brust. Der Körper, vernarbt, ausgemerkelt, aber jung, war nicht dürr sondern schlank. Das Gesicht, rund und blass, wirkte erschöpft, doch ich wusste, dass der Eindruck täuschte. Ich war hellwach.
It matters not what someone is born, but what they grow to be.
Benutzeravatar
Gaara
 
Beiträge: 249
Registriert: 08.2013
Wohnort: Datchet, Windsor, Berkshire, United Kingdom
Geschlecht: weiblich

Re: Geschichte: Elemenaria

Beitragvon yije » 21. Jun 2014 02:09

Noch bevor ich die Tür öffnen konnte, klopfte es ein weiteres Mal.
"Flo! Flo! Juju da.", ertönte eine kleine Mädchenstimme. Ich liess meine Hand auf dem Türknauf ruhen.
"Was möchte Juju?" Es dauerte einen Augenblick, bis meine Schwester antwortete.
"Flo bitte Tür aufmachen. Bitte bitte." Juju hatte vor einigen Monaten die lästige Angewohnheit entwickelt, sich alles zu nehmen und in jedes Zimmer hineinzuspazieren, auf das sie gerade Lust hatte. Aus diesem Grund nahmen mich meine Eltern eines Tages beiseite und baten mich, erziehungstechnisch mit ihnen an einem Strang zu ziehen. Juju sollte lernen, vorher zu fragen. Dieser Bitte ging ich nur zu gerne nach. Nicht aus Gehässigkeit oder weil mir meine 2-jährige Schwester nichts bedeutete. Im Gegenteil. Ich liebte sie. Ihrem süssen Wesen konnte man nichts abschlagen. Doch blutete mir das Herz, wenn ich an die Zeit zurückdachte, wo sie sich unerlaubt in mein Zimmer geschlichen, mehreren Pflanzen Blüten und Blätter herausgerissen hatte und ich nicht rechtzeitig eingreifen konnte, um das Unglück zu verhindern.
"Flo?" Juju riss mich aus meinen Gedanken. Reflexartig öffnete ich die Tür.
Sie sass auf dem Boden, ihre goldfarbenen lockigen Haare hatte unsere Mutter zu einem Zopf gebunden. Mit ihren strahlend blauen Augen sah sie mich verwirrt an. Scheinbar hatte sie den Grund ihres 'Besuches' bereits wieder vergessen.
"Was gibt es, Juju?", wollte ich wissen. Vielleicht half ihr die Frage etwas auf die Sprünge. Juju neigte den Kopf zur Seite, kratzte sich an der Stirn und grübelte eifrig nach. Ich beugte mich zu ihr hinunter.
"Hat Mama Juju geschickt?" Wie vom Blitz getroffen fiel ihr alles ein.
"Ja! Doktor ist da!"
Ich seufzte. Doktor Shinto kam einmal im Monat, um Juju und mich auf Herz und Nieren zu überprüfen. Ich hielt seine regelmässigen Untersuchungen für überflüssig, Aella ebenfalls. Lediglich meine Eltern waren anderer Meinung.
"Dann wartet er sicherlich schon auf uns.", murmelte ich, nahm Juju auf den Arm, schloss sorgsam die Tür hinter uns und begab mich langsamen Schrittes gen Wohnzimmer. Meine Pflanzen mussten wohl noch etwas länger auf ihr Wasser warten.

Die Routineuntersuchung dauerte eine Stunde. Weder das Prüfen der Reflexe, noch das Abhören des Herzens oder das Messen von Blutdruck und Puls machten mir etwas aus. Einzig vor der Blutabnahme graute es mir. Sie nahm die meiste Zeit in Anspruch. Ich brauchte nur einen Blick auf Spritze und Kanüle werfen, um meine Venen im Körper in Angst und Schrecken zu versetzen. Jedes Mal verzogen sie sich soweit, dass Doktor Shinto 4 bis 6 Versuche benötigte, ehe seine Bemühungen Erfolg versprachen.
"Tut es weh?" Kritisch betrachtete er das mit Blut gefüllte Röhrchen.
"Hm? Was meinen Sie?", fragte ich beiläufig. Der Anblick des Sonnenuntergangs hinter den goldenen Streifen des Kraftfeldes nahm meine volle Aufmerksamkeit in Anspruch. Es war die einzige Möglichkeit für mich, abzuschalten.
"Du wirkst seit der Begrüssung eher gequält als fröhlich. So kenne ich dich gar nicht." Ich wandte mich vom Wohnzimmerfenster ab und sah meinen Arzt an. Er hatte braun-graues Haar, kalte blaue Augen, markante Gesichtszüge und eine Stirn, die mit Falten übersät war. Die Zeit hatte Doktor Shinto in den vergangenen Jahren besonders heftig zugesetzt. Noch vor wenigen Jahren schätzte ich ihn auf Mitte 30 Jahre ein. Hätte ich an diesem Tag die Anzahl seiner Lebensjahre vermuten sollen, wäre er seinem Anschein nach mindestens 65 Jahre alt.
"Es ist nichts. Entschuldigen Sie. Mir geht es gut." Ich zwang mich zu einem Lächeln.
"Mir ist zu Ohren gekommen, dass die Prognosen verteilt wurden." Er verstaute das Röhrchen zwischen anderen Instrumenten in seinem Koffer.
Ich nickte. Mehr nicht. Es war unnötig, ihn über meine Prognose aufzuklären. Höchstwahrscheinlich hatte meine Mutter diese Aufgabe bereits für mich erledigt und ihn darüber in Kenntnis gesetzt, in welche Richtung sich meine berufliche Karriere nach Schulabschluss bewegen sollte. Sie war sehr redselig, wenn Doktor Shinto zu Besuch war.
"Die Ausbildung zur Elemenarin ist eine grosse Ehre." Doktor Shinto war nicht der Typ Mann, der ein Blatt vor den Mund nahm. Ich musste zugeben, dass er mit seiner Äusserung nicht verkerht lag. Viele meiner Klassenkameraden wünschten sich eine Prognose, die sie zum Elemenar oder zur Elemenarin vorschlug. Ich wollte keinesfalls undankbar erscheinen oder den Beruf schlecht reden, doch sah niemand mir an, dass ich nicht im Geringsten für diese Art von Tätigkeit geeignet war?
Bevor ich antworten konnte, betrat meine Mutter das Wohnzimmer. Sie hatte für Juju Gummibärchen aus der Küche geholt. Jujus Lieblingssüssigkeit. Sie war als Belohnung für das artige Verhalten während der Untersuchung gedacht.
"Floris, wärst du so lieb und würdest Julienne in ihr Zimmer bringen?" Überrascht blickte ich meine Mutter an. Ihr goldenes Haar wellte sich bis zu ihren schmalen Hüften, ihre kristallblauen Augen ruhten auf Doktor Shintos schwarzem Koffer. Zur grauen Jeans hatte sie eine weisse Bluse gewählt. Sie war eine der schönsten Frauen auf Ebene 9. Mit 12 Jahren hatte ich festgestellt, keinerlei Ähnlichkeit mit meinen Eltern zu besitzen. Weder Augen-, noch Haarfarbe oder Gesichtszüge wurden an mich weitergereicht. Nachdem Juju geboren war und die typischen Merkmale meiner Eltern aufwies, fragte ich sie, ob mit mir etwas nicht stimmte. Sie versuchten meinen Unmut zu besänftigen und behaupteten, dass ich der verstorbenen Mutter meines Vaters sehr ähnlich sähe. Zudem sei es nicht selten, dass Gene eine Generation überspringen würden. Ich akzeptierte das Argument und fand mich damit ab, aschfahle blonde Haare, grüne Augen und eine zierliche Figur zu besitzen.
"In Ordnung.", sagte ich. Normalerweise gab meine Mutter Juju ihre Süssigkeiten im Wohnzimmer und ging anschliessend mit ihr ins Badezimmer, um sie dort für das Bett fertig zu machen.
Ich schüttelte Doktor Shinto die Hand, verabschiedete mich höflich von ihm und holte meine Schwester aus der Spielecke. Kaum im Kinderzimmer angekommen, fing Juju an zu quengeln.
"Wo Jujus Süssigkeiten?" Ich hatte vergessen, mir die Süssigkeiten von Mutter geben zu lassen.
"Mama wird dir gleich deine Gummibärchen bringen." Ich setzte mich zu Juju auf den Boden und streichelte ihren Kopf. Sie schien keineswegs glücklich darüber zu sein. Frustiert plusterte sie die Wangen auf.
"Juju Süssigkeiten.", sagte sie traurig.
"Na schön, Juju hat gewonnen. Ich gehe die Süssigkeiten holen." Ich konnte ihr nicht widerstehen.
Ich richtete mich auf, schärfte meiner Schwester ein, sie solle brav sein bis ich wieder zurückkäme, verliess das Zimmer und lief eilig den Flur hinunter. Mutter hatte Doktor Shinto sicherlich schon zur Haustür gebracht. Da würde ich sie abfangen.
Keine Minute später stellte sich heraus, dass sich weder Doktor Shinto noch meine Mutter vor der Haustür befanden. Ich lauschte den Geräuschen in der Wohnung und vernahm gedämpfte Stimmen aus der Küche. Stillschweigend machte ich auf dem Absatz kehrt und ging den rechten Flur zur Küche entlag. Vor der Schwenktür machte ich Halt.
"... Und Sie sind sich sicher, dass das bald ein Ende haben wird?"
"Ohne Zweifel. Machen Sie sich keine Gedanken. Das ist eine Phase. Schon bald wird sie nicht mehr von sich selbst in der 3. Person sprechen."
"Ein Glück. Halten Sie mich für paranoid, aber ich muss gestehen, ich befürchtete eine Nebenwirkung..." Doktor Shinto unterbrach sie.
"Darüber sollten Sie gar nicht erst nachdenken. Es gibt keine Nebenwirkungen. Sie haben den besten Beweis dafür fast gross gezogen." Automatisch machte ich einen Schritt rückwärts. Eine Stimme in meinem Kopf verriet mir, das Gespräch nicht weiter mitzuverfolgen. Mein Verstand hingegen liess mir keine Ruhe. Über was für eine 'Nebenwirkung' unterhielten sie sich? Wenn sie tatsächlich über Juju und mich sprachen, dann machte es das Verstehen noch komplizierter. Jujus Sprachverhalten war etwas ungewöhnlich und gewöhnungsbedürftig für Menschen, die sie nicht kannten, da sie nicht auf das Wort 'du' reagierte, doch hätte ich nie damit gerechnet, dass es sich um eine künstlich herbeigeführte Problematik handeln könnte. Bekam sie Medikamente, von denen ich nichts wusste? Und wenn ja, wogegen wirkten sie?
Meine Neugierde war derartig stark, dass ich mich wieder an die Schwenktür heranschlich.
"Apropos Floris... Halten Sie es für eine gute Idee, sie zu den Elemenaren zu schicken?" Doktor Shintos Frage machte mich sprachlos.
"Wir haben keine Bedenken, Floris weist die typischen Merkmale auf." In meinem Kopf herrschte das reinste Chaos. Unbeabsichtigt drückte ich zu stark gegen die Schwenktür und öffnete sie ein kleines Stück. Beide wurden aufmerksam. Ich tat so, als wäre ich eben erst über den Flur gelaufen.
"Bitte entschuldige die Störung, Mutter. Juju verlangt nach ihren Gummibärchen." Sie warf mir einen prüfenden Blick zu. Sie versuchte herauszubekommen, ob und wieviel ich von ihrem Gespräch mitbekommen hatte.
"Bitte, Mutter. Juju war sehr unzufrieden, als ich gegangen war. Wenn sie in mein Zimmer geht, dann..."
"Natürlich. Juju kann man nicht lange alleine lassen." Sie gab mir die Gummibärchen und bat mich weiterhin, Juju auch gleich bettfertig zu machen. Ich nickte, verliess die Küche und rannte den Flur Richtung Jujus Kinderzimmer zurück. Was für typische Merkmale wies ich für die Ausbildung zur Elemenarin auf? Machte ich auf meine Aussenwelt einen gleichgültigen Eindruck?
Jujus Kinderzimmertür stand offen.
"Hier sind Jujus Gummi-..." Mir glitt die kleine Tüte mit Jujus Lieblingssüssigkeit aus den Händen. Die Fenster waren sperrangelweit geöffnet, eine leichte Brise ging durch das Zimmer. Möbel und Spielzeug wurden nicht verschoben und standen noch an Ort und Stelle. So, wie ich vor wenigen Minuten das Zimmer verlassen hatte. Lediglich eine Person fehlte.
"Juju?", rief ich panisch.
"Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden." (Mark Twain)
Benutzeravatar
yije
Forum Admin
 
Beiträge: 44
Registriert: 08.2013
Geschlecht: weiblich

Re: Geschichte: Elemenaria

Beitragvon Gaara » 9. Aug 2014 00:19

Ich griff gekonnt nach meinen Klamotten und zog sie über, bevor ich mich auf die Matraze vor mir kniete und in den Spalt zwischen den Brettern unserer Behausung und die Betonwand Tenebraes griff. "Fynn..." murmelte mein Vater, als ich meinen Bogen hervorzog. Ein zweites Mal ließ ich meinen Arm verschwinden, diesmal gezielt nach dem Köcher greifend, den ich in Sekundenschnelle übergestreift hatte. "Lass uns doch darüber reden." raunte Bills Stimme etwas lauter zu mir. Ich zog die Haarnadeln aus meiner Mähne, warf sie auf die Bettlaken und griff nach dem roten Haarband im Regal. Geschickt streifte ich die Strähnen zurück und band mir die Haare zu einem hohen Zopf. "Fynn." Ohne meinen Vater eines Blickes zu würdigen, verließ ich den Raum. "FYNN!" hallte es mir bis über die Handelsgasse Tenebraes nach.

Ich drängte mich an einer kleinen Menschenansammlung vorbei und versuchte möglichst unbemerkt hinter einer der großen Filterungsanlangen zu verschwinden. Die Dunkelheit legte sich wie ein beruhigender Schleier auf meine Schultern. Das Gefühl ganz für mich zu sein, tat mir gut. Ich konnte Bills Stimme nicht mehr hören und auch Rebeccas war mir inzwischen zu viel geworden. Ich wollte nicht darüber sprechen und auch nicht daran denken müssen. Es mir immer wieder aufzudrücken, war unzumutbar. Wer konnte ihre mitleidigen Blicke und die an den Haaren herbeigezogenen Geschichten schon ertragen? Ich solle mir keine Gedanken machen? Nein. Wäre ich an ihrer Stelle, würde ich das auch nicht. Um mich zu beruhigen, schloss ich die Augen und regulierte meinen Atem, bevor ich nach einem Pfeil griff und ihn an die Sehne legte. Geduckt schlich ich auf den langen Gang in Richtung der Abwasserkanäle, nach jedem möglichen Geräusch lauschend. Die Gänge des Abwassersystems und der Aufbereitungsanlagen verliefen sich meilenweit unter Donec und ich hatte begonnen, mir Karten zu zeichnen. Ich war keine hervorstechende Künstlerin, aber es reichte allemal um sich auf Dauer zurechtzufinden. In den Schächten und Verläufen um Tenebrae kannte ich mich aus, daher gebrauchte ich meine groben Skizzen kaum und hatte sie in meiner Gedankenlosigkeit sowieso bei Bill zurückgelassen.
Während ich durch die Gänge streifte, lenkten mich immer wieder die Geräusche der Handelsgassen ab. Ich war zu nah an Tenebrae und mit jeder weiteren Abzweigung versuchte ich mich zu entfernen. Wenn man in der Kanalisation auf Ratten, Fledermäuse oder - mit viel Glück - sogar Fische in der Wasserreinigung stoßen will, musste man sich von dem gedämpften Lärm unter dem Alltag Donecs fernhalten. In den letzten Wochen hatten vorallem die Fische meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Wenn ich meinem Vater als Kind in die Verwinkelungen unserer Ebene entwischt bin, waren mir immer wieder Fische untergekommen, deswegen waren sie nicht sonderlich außergewöhnlich, auch wenn ebenso wenig alltäglich. Trotzdem hat es mich nie großartig verwundert, dass sie von Zeit zu Zeit in den Reinigungsbecken schwammen oder mit den Wasserströmen in die Filterungsanlagen gelangten, doch das letzte Schuljahr hat mich aufhorchen lassen. Ich wusste, dass sie mich auswählen und ich eine Elemenarin sein würde, dass ich lernen würde zu kämpfen und Donec vor dem zu schützen, was auch immer dort draußen lauerte. Draußen. Das gefährlichste Gebiet, das ein Einwohner Donecs je betreten würde, wie man es sich in der Schule und auf den Marktplätzen erzählte. Wer ein Elemenar war, war ein Held und musste doch sicher damit rechnen, eines Tages qualvoll zu verenden. Ich war mir nie sicher, ob die Menschen sie fürchteten oder bemitleideten. Sicher wusste ich nur, dass ich keiner von ihnen sein wollte, auch wenn mich meine Überlebenswille praktisch dazu zwang. Aber seit Kurzem reizten die Fische mich ein wenig. In unseren Abwässern gab es keine Fische. In dieser Brühe konnte sicher kein Leben entstehen und nach einiger Grüberlei war ich mir ziemlich sicher. Die vereinzelten Fische, die ich immer wieder zu sehen bekam und gelegentlich sogar fangen konnte, waren nicht von hier. Sie kamen von draußen. Das Wasser Donecs kam nicht aus einer großen Anlage, die Regen abfing und Abwasser immer wieder aufbereitete, so wie ich lange Zeit dachte. Es kam aus einem Fluss, vielleicht einem Meer, in dem Fische lebten. Ein sauberes, nicht verstrahltes Wasser. Was auch immer außerhalb Donecs alles so verwüstete, dass wir die Pyramidenstadt nicht verlassen konnten, den Fischen schien es nichts anhaben zu können und meine bervorstehende Prüfung und die Arbeit als Elemenarin würde für mich wortwörtlich das Tor zur Außenwelt werden.

Ich blieb stehen, atmete einmal tief aus und sortierte meine Gedanken, fokussierte den Blick - und sah einen Schatten. Von der Erhöhung aus, auf der ich stand, konnte ich den Abwasserfluss bis um einige Kurven verfolgen und sah kurz vor einer der Filteranlagen eine Bisamratte. Mein Herz begann zu rasen. Ein solches Tier war in Tenebrae nicht zu verachten. Es reichte für Bill und mich eine ganze Woche lang, und wenn wir es nicht essen wollten, würden wir im Tausch einiges dafür bekommen. Ich spannte die Sehne meines Bogens, schloss ein Auge und folgte dem Pfeil bis zur Spitze. Die Ratte saß ruhig da, ich atmete leise aus und kaum eine Sekunde später traf meine Munition ihr Ziel. Ein wenig im Rausch hastete ich die Treppe neben der Strömung hinab, folgte dem Seitenpass und wurde erst langsamer, als ich meine Beute fast erreicht hatte. Kaum wollte ich den Bogen ablegen und meinen Fang genauer in Augenschein nehmen, als ich eine Bewegung in der Ecke zu meiner Linken bemerkte. Ohne zu zögern legte ich einen Pfeil ein und schoss. Ich spürte fast noch die Befiederung meinen Finger entlangstreifen, als mir zwei große Augen direkt in meine sahen. Mein Herz begann zu rasen, als ich die Menschlichkeit in ihnen erkannt hatte. Ein Knall ertönte und die Zeit schien mir für eine Sekunde stehen zu bleiben. Mein zweites Opfer, ein Mädchen, höchsten sechs oder sieben Jahre alt, blickte mir geschockt entgegen und ich nahm langsam den Bogen runter, als ich realisierte, dass ich sie irgendwie verfehlt hatte. Erst war ich erleichtert und atmete kurz auf, bevor ich wütend wurde. "Bist du wahnsinnig?!" zischte ich ihr ins Gesicht, als ich mich nach meinem Pfeil bückte. "Ich..." begann sie kleinlaut. "Ich wollte dich nicht erschrecken..." "Mich erschrecken?! Ich hätte dich fast umgebracht! Warum treibst du dich hier rum?" presste ich leise, aber gereizt und innerlich rasend vor Wut, hervor. Ich konnte Kinder nicht ausstehen und diese Situation machte es nicht gerade besser. Ich warf einen genaueren Blick auf meinen Pfeil und entdeckte Eis an seiner Spitze. Etwas verwirrt sah ich über den Boden bis zum fließenden Abwasser, steckte ihn jedoch ohne weiteres zurück in meinen Köcher und fasste das Mädchen vor mir genauer ins Auge. Sie trug ein altes, ziemlich verdrecktes Langarmshirt, das ihre eigene Größe um einiges überstieg und vor langer Zeit einmal weiß gewesen zu sein schien. Darüber war mehr schlecht als recht ein dunkles, blaues Kleid gezogen. Es reichte ihr knapp bis über die aufgeschürften Knie und hatte eine kleine Brusttasche, die an einer Kante bereits genäht wurde. Zwei Socken verdeckten ihre Knöchel. Die eine raufgezogen bis zum Knie, waren sie beide ebenfalls kaum noch weiß und endeten in abgenutzten Lackschuhen, die sicher einmal zu einer Schuluniform gehörten. Ihre Haut war blasser und die weiß-blonden Haare, wirr mit einer blauen Schleife aus dem Gesicht gehalten, ließen sie nur noch ausgemerkelter wirken. Trotzdem strahlten ihre großen, blauen Augen zu mir auf, als sähen sie einen schmackhaften Braten vor sich. Ich wandte mich ab, ging in die Hocke und machte mir an der Bisamratte zu schaffen. "Wie heißt du?" ertönte ihre leise Stimme und ich zögerte kurz. "Fynnigan." antwortete ich knapp. Es legte sich ein weiterer Moment der Stille über uns, in dem ich die Ratte von meinem Pfeil befreite und an einen der Hacken klämmte, die am Boden meines Köchers befestigt waren. "Ich bin Emmy." "Mhm." gab ich zurück. Als ich mich aufrichtete, um mich auf den Weg zurück zu machen, stand auch sie bereits und sah mich lächelnd an. "Also... wo wohnst du? An der Hauptstraße?" fragte ich. "Nein." antwortete sie leise, lächelte aber weiter. Ich zog die Augenbrauen hoch. "Und? Wo... Wo wohnst du dann?" Sie zuckte die Schultern. "Wo ich will." Ich lachte sarkastisch auf. "Verstehe." Ihr Blick blieb unverändert. "Wissen deine Eltern, dass du dich hier allein rumtreibst?" "Nö." Ich strich mir das Haar aus dem Gesicht und warf einen kurzen Blick an die Decke, bevor ich erneut das Wort erhob. "Wo wohnen deine Eltern denn?" Sie zögerte kurz. "Keine Ahnung." Ich runzelte die Stirn. "Du willst wohl nicht nach Hause." "Du doch auch nicht." gab sie zurück. Etwas überrascht zog ich die Augenbrauen hoch. "Das sehe ich dir an." Sie grinste breit und strahlte weiterhin zu mir hoch. Es dauerte noch einige Sekunden, doch dann erkannte ich sie. Tatsächlich hatte ich Emmy schon oft gesehen. Sie streifte durch die Handelsgasse, sprach mit den Leuten, versuchte hier und dort etwas Essbares abzugreifen - Ihre Eltern hatte ich noch nie gesehen und war mir fast sicher, dass ich irgendwo bereits aufgeschnappt hatte, dass diese auch nicht existierten. Für einen Augenblick verharrten wir, dann ließ ich den Köcher sinken, setzte mich auf den Boden und zog das kleine Messer meines Vaters aus einer der Taschen meiner Hose. "Gibst du mir etwas von deiner Bisamratte ab?" fragte sie lächelnd und beobachtete mich von oben herab, als ich begann, dem Tier das Fell abzuziehen. Ich antwortete nicht. "Tust du's?" Ich rollte mit den Augen. "Fynnigan?" "Setz' dich hin und sei ruhig." raunte ich. Sie tat wie geheißen, lächelte breit und strich sich gedankenverloren über ihr Kleid, die rauschende Wasserströmung neben uns.
It matters not what someone is born, but what they grow to be.
Benutzeravatar
Gaara
 
Beiträge: 249
Registriert: 08.2013
Wohnort: Datchet, Windsor, Berkshire, United Kingdom
Geschlecht: weiblich


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

cron